Türkische Botschaft Berlin

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Beitrag Des Außenministers Çavuşoğlu Zum Weltgipfel Für Humanitäre Hilfe , 28.04.2016

HUMANISTANBUL: DER WELTGIPFEL FÜR HUMANITÄRE HILFE

Trotz des weltweiten Schocks und der Empörung scheint der tragische Tod des kleinen Aylan Kurdi wenig verändert zu haben. 

Dies ist eine traurige und zugleich schonungslose Feststellung zu unserer kollektiven Menschlichkeit, falls so etwas noch existiert.

 

Die Kraft der Bilder und sozialen Medien, welche für Celebrity Zwecke besonders wirkungsvoll sind, scheint bei der Mobilisierung von Hilfe für die Bedürftigen gescheitert zu sein. Tatsächlich sind seit Aylans Tod vor sechs Monaten unzählige weitere Unschuldige – Männer, Frauen und Kinder –gestorben, obwohl ihr Tod völlig verhinderbar gewesen wäre.

 

Es ist wahr, dass wir mit großen humanitären Krisen konfrontiert sind, die mit jeglichen Geschehnissen seit dem letzten Weltkrieg nicht vergleichbar sind. Allerdings kann es keine Entschuldigung für die globale Gleichgültigkeit geben.

 

Während große Naturkatastrophen weiterhin als besondere Verursacher von Tod und Vertreibung fortbestehen, erregt heutzutage die Tatsache, dass die große Mehrheit der humanitären Krisen mit Konflikten verbunden und von sich wiederholender und langwieriger Natur ist, die größte Besorgnis. Nirgends ist dies offensichtlicher als in Syrien, wo ein Massenmörder es mit Hilfe von außen willkürlich und ungestraft auf seine eigene Bevölkerung abgezielt hat.

 

Jenseits von Syrien, ob im Nahen Osten, in Asien, Afrika oder anderswo überschreiten humanitäre Krisen die Grenzen. 125 Millionen Menschen weltweit benötigen heute humanitäre Hilfe. Die Zahl der Vertriebenen hat sich mit 60 Millionen in nur einem Jahrzehnt fast verdoppelt. Diese Zahlen sind ein Beleg für das menschliche Leid, was seine Ursache in der wachsenden Komplexität von humanitären Krisen, unserer Unfähigkeit und unserem Widerwillen, diese zu lösen, und in der wachsenden finanziellen Diskrepanz zwischen den zunehmenden Bedürfnissen und den begrenzten Ressourcen hat.

 

Es muss etwas unternommen werden und die Türkei weist die Richtung, nicht nur, indem sie mit gutem Beispiel vorangeht, sondern auch, indem sie daran arbeitet, die internationale Gemeinschaft zum sofortigen Handeln zu bewegen.

Während die Türkei ein wichtiger Geber von humanitärer Hilfe ist, beherbergt sie heute mit mehr als 3 Millionen Menschen auch die größte Flüchtlingsgruppe weltweit. Die Hauptursache hierfür ist der Krieg in Syrien. Die Bereitstellung von Unterkunft und essenziellen Dienstleistungen wie kostenlose Gesundheitsversorgung, Schulbildung und Berufsausbildung für diese Flüchtlinge ist eine große finanzielle Last, welche die Türkei überwiegend selbst tragen musste.

 

Jedoch ist unsere humanitäre Diplomatie nicht nur auf unsere unmittelbare Region begrenzt. Die Türkei, die bereits im späten 15. Jahrhundert schutzlose Menschen, unabhängig von Rasse, Religion oder Ethnie aufgenommen hatte, reagiert heute auf allerlei humanitäre Krisen von Haiti bis Nepal, von Guinea bis Somalia und von der Sahelzone bis nach Indonesien. Unsere humanitären Bemühungen zielen nicht nur darauf ab, die Symptome zu bekämpfen, sondern auch die Krankheit zu behandeln. Dieser ganzheitliche Ansatz umfasst humanitäre und Entwicklungshilfe, strebt gleichzeitig aber auch an, die Kernursachen und die Push-Faktoren für humanitäre Krisen anzugehen. Dieser Ansatz ist nachfragegesteuert und lässt sich am besten in den Ländern der Sahelzone oder in Somalia sehen, wo die Türkei eine integrierte Strategie verfolgte, geleitet durch einen Multi-Stakeholder-Ansatz. Sie hat die offizielle Hilfe mit der aktiven Beteiligung der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft kombiniert und es somit geschafft, unzählige Leben deutlich zu verbessern.

 

Während individuelle Bemühungen wie die der Türkei entscheidend sind, werden dem internationalen humanitären System vorhandene Mittel vorenthalten und für die Betroffenen der vielen Krisen, die wir weltweit erleben, tickt die Uhr. Es sind einfach zu viele Menschenleben in Gefahr und Tatenlosigkeit ist keine Option.

 

In dieser schwierigen Zeit wird Istanbul am 23. und 24. Mai 2016 Gastgeber des ersten Weltgipfels der Vereinten Nationen für humanitäre Hilfe sein. Die Wahl der Türkei als Gastgeber war kaum ein Zufall. Vielmehr stellt sie die rechtzeitige Anerkennung der erfolgreichen humanitären Diplomatie dar, die wir betreiben.

 

Der Weltgipfel für humanitäre Hilfe wird eine entscheidende Plattform bieten, um den Herausforderungen zu begegnen, die das humanitäre System belasten. Ergänzend zu Themen wie die Reaktion auf sich wiederholende/langwierige Krisen und Wellen von Vertreibung werden andere dringliche Themen wie die Gewährleistung von nachhaltiger, zuverlässiger und absehbarer humanitärer Finanzierung behandelt. Andere Fragen wie etwa „welche neuen Methoden angewendet werden könnten“ oder „wie lokalisierte humanitäre Lösungen durch maßgeschneiderte und nutzerfreundliche Ansätze gefördert werden können“ sowie die Frage nach der Würde und Sicherheit bei humanitären Aktionen werden bei dem Gipfel angesprochen.

 

Der Weltgipfel für humanitäre Hilfe wird ein Anlass für alle Nationen der Welt und ihre Regierungen sein, Maßnahmen zu ergreifen, während Millionen von Menschen am Rande zwischen Leben und Tod stehen. Wenn ich an den Moment zurückdenke, als ich Aylans Bild das erste Mal sah, erinnere ich mich an die überwältigende Trauer, die mich ergriffen hatte, und wie ich darüber nachdachte, wie einsam und schutzlos Aylan als ein unschuldiges Kleinkind war. Ich möchte glauben, dass wir aus diesem Bild etwas gelernt haben und dass wir nicht weitere Bilder wie diese benötigen, um uns zu Taten zu verpflichten.

 

Wir sind alle verantwortlich für das, was mit den schutzlosen Personen passiert, die unsere Hilfe suchen. Istanbul ist eine Gelegenheit, um vorzutreten und diese Verantwortung zu übernehmen. Wir rufen alle Staats- und Regierungschefs dieser Welt dazu auf, für den UN-Gipfel für humanitäre Hilfe nach Istanbul zu kommen und mit uns zusammenzuarbeiten, um Lösungen für diejenigen zu finden, die dringend humanitäre Hilfe benötigen.