Fetö – So Bedrohlich Wie Das Virus

Berlin Büyükelçiliği 15.07.2020

FETÖ – SO BEDROHLICH WIE DAS VIRUS

In der Nacht vom 15. Juli vor vier Jahren fand ein Putschversuch in der Türkei statt. Er war der schrecklichste Akt des Terrors in der Geschichte der Türkischen Republik.

Den Terror kann man mit dem heutigen Coronavirus vergleichen, in dem Sinne, dass beide keine Grenzen kennen und eine globale Bedrohung sind, die kein Land alleine bewältigen kann. Terror verbreitet sich genauso heimtückisch und schnell wie ein Virus. Wenn festgestellt wird, dass es erst ein Individuum nach dem anderen und anschließend Gemeinschaften beeinflusst hat, ist es meist schon zu spät. Kein Land kann bei der Bekämpfung im Alleingang erfolgreich sein. Auf der anderen Seite kann kein Land sichergehen, dass das Virus, das ein anderes Land zu bekämpfen versucht, eines Tages nicht auch eine Bedrohung für sich selbst darstellt. Aus diesem Grund ist die effektive internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus genauso notwendig wie bei der Bekämpfung des Virus.

Die geheime Agenda der Fetullahistischen Terrororganisation (FETÖ) in der Türkei, die genau wie ein Virus hinterlistig in die „Kapillargefäße des Staates“ eingedrungen ist, trat mit dem blutigen Putschversuch offensichtlich in Erscheinung. Dieses Zitat, das Sie vom Anführer der Organisation, Fetullah Gülen, persönlich in seinen Videos hören können, ist ein eindeutiger Ausdruck für das virusartige Vorgehen der Organisation.

Der Putschversuch in der Nacht vom 15. Juli 2016, der von den durch die Organisation über Jahrzehnte auf diese Weise in die türkische Armee infiltrierten Angehörigen mit der Unterstützung von zivilen Verschwörern ausgeübt wurde, war der blutigste Terrorangriff, dem die Türkei je ausgesetzt worden ist. Selbstverständlich konnte vor vier Jahren niemand erahnen, dass die FETÖ-Mitglieder, die dem Anschein nach treue Soldaten waren, es wagen würden, unser Parlament, das Gebäude des Präsidialamtes, das Zentrum des Nachrichtendienstes, das Zentrum des Sondereinsatzkommandos und die Gebäude unserer Sicherheitsbehörden zu bombardieren. Niemand hätte erahnen können, dass sie bedenkenlos Panzer auf die Zivilbevölkerung rollen, Bomben aus der Luft abwerfen, aus Helikoptern schießen, für den Märtyrertod von 251 unserer Bürger sorgen und mehr als 2.200 unserer Bürger verletzen würden.

Innerhalb kürzester Zeit haben sich hinter dem blutigen Putschversuch die Spuren der FETÖ unbestreitbar herausgestellt, die seit den letzten 40 Jahren von Fethullah Gülen genährt wird und in vielen Ländern - die Türkei und Deutschland miteingeschlossen - organisiert ist. Dass die Verschwörer zivile und militärische Mitglieder der FETÖ-Strukturen waren, wurde anhand der von ihnen benutzten geheimen Kommunikationssysteme wie Bylock enthüllt. Auch nach den inzwischen vergangenen vier Jahren werden noch mit großer Anstrengung und den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit entsprechend Ermittlungen gegen die Täter und Mitverschwörer dieses Angriffs auf unsere Demokratie durchgeführt. Die von den türkischen Gerichten über die Personen, die zur Rechenschaft gezogen werden konnten, dargelegten Beweise enthalten im Grunde mehr als genug Angaben, um die von der FETÖ ausgehenden Bedrohung zu verstehen.

Damit man diese Organisation jedoch gänzlich begreifen kann, muss man sich auch ihr dunkles Netzwerk bewusstmachen, das vor dem 15. Juli über Jahre aufgebaut wurde. Die FETÖ hat durch die Indoktrination von jungen Köpfen in den von ihr unter dem Deckmantel einer harmlosen Bildungsbewegung gegründeten Schulen eine radikale Armee von Anhängern erzogen, die die Anweisungen Gülens, den sie als „Imam des Universums“ bezeichnen, ohne zu hinterfragen ausführen und zu diesem Zweck auch keine rechtlichen und moralischen Normen beachten. Die meisten Absolventen dieser Schulen wurden durch das vorzeitige Stehlen von Prüfungsfragen in die entscheidendsten Einrichtungen des Staates eingegliedert und diejenigen, die ein Hindernis für die Organisation darstellten, wurden durch allerlei Verschwörung beseitigt.

Die FETÖ hat ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss gefestigt, indem sie die Ressourcen und die Macht des Staates den Interessen der Organisation entsprechend missbraucht hat. Das entfaltete Ausmaß der geheimen Struktur der FETÖ innerhalb der türkischen Streitkräfte, einer unserer entscheidendsten Einrichtungen, wurde bedauerlicherweise am 15. Juli verständlich.

Wegen ihrer globalen Ziele hat die Organisation sich parallel zu ihrer Strukturierung in der Türkei auch weltweit verbreitet. Sie hat insbesondere im Bereich Bildung, Medien und Handel ein eigenes Netzwerk aufgebaut und ist in das Netzwerk von Medien, Akademie, Politik und Bildung des Ziellandes eingedrungen. Somit hat sie ihr Einflussgebiet in diesen Bereichen erweitert.

Deutschland, in dem die meisten Türkeistämmige außerhalb der Türkei leben, ist gerade deshalb seit Beginn für die FETÖ ein attraktives Zielland gewesen. Bedauerlicherweise konnte die Organisation hier auch ein starkes und breites Netzwerk aufbauen, und sie verfügt noch heute über eine starke Präsenz in der Bundesrepublik.

FETÖ-Anhänger auf der Flucht vor der Justiz betrachten Deutschland als ihr weltweit größter sicherer Hafen. Die auf einer falschen Wahrnehmung beruhende Haltung der deutschen Behörden erleichtert ihnen die Anschaffung von Visen bei deutschen Auslandsvertretungen, und auf dieser Art missbrauchen Tausende von FETÖ-Anhängern die liberalen Asylverfahren der Bundesrepublik. Aller Anschein nach halten sich einige der Hauptverantwortlichen des Putschversuchs von 2016 in Deutschland auf – doch die wiederholten Ersuchen der Türkei nach der Inhaftierung und Auslieferung dieser Terroristen sind bisher leider erfolglos geblieben.

Die kriminelle Struktur der FETÖ, die der Hierarchie, Loyalität und absolutenVertraulichkeit entsprechend agiert, stellt der Organisation auch dank staatlicher Unterstützung über ihre Schulen sowohl Human- als auch Finanzressourcen zur Verfügung. Das scheinbare Gesicht dieser Struktur präsentiert sich der deutschen Öffentlichkeit als eine für Dialog eintretende, säkulare, friedliche und demokratische Nichtregierungsorganisation. Hinter ihren Aussagen erzieht sie jedoch eine Jugend, die einem einzigen, fanatischen und religiösen „Möchtegern-Führer“ bedingungslos gehorcht. Wenn die innere Struktur der Organisation in Deutschland unter die Lupe genommen werden würde, würde diese Realität hinter der „Opferrolle“ gewiss ersichtlich sein.

Selbstverständlich ist die Einleitung von Ermittlungen gegen die illegalen Aktivitäten dieser Struktur, die die freiheitliche Atmosphäre in Deutschland zu ihren hinterlistigen Zwecken missbraucht, Aufgabe der deutschen Behörden. Und doch ist es hinsichtlich unserer verwurzelten Beziehungen und Partnerschaft bedauerlich, dass die Mitglieder dieser Organisation, gegen die es konkrete Beweise darüber gibt, dass sie an dem Putschversuch beteiligt waren und diesen gelenkt haben, unbehindert in diesem Land ihre Aktivitäten weiter fortsetzen können, ohne dass sie sich vor Gericht verantworten müssen.

Eine verspätete Gerechtigkeit für die Opfer bedeutet nicht, dass für Gerechtigkeit gesorgt ist. Das türkische Volk erwartet Antworten zu den Fragen bezüglich der ganzen Verschwörungen der Organisation - von heimlichen Abhörungen, Erpressungen, Stehlen von Prüfungsfragen bis hin zu Missbräuche der Justiz durch heimlich affiliierten Richtern und Anwälten - indem die Putschisten vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden.

Mit Deutschland reichen unsere engen und vielfältigen Beziehungen Jahrhunderte zurück. Als Partner und Verbündeter der Bundesrepublik bewahren wir unsere gerechte Erwartung nach Unterstützung in dem Kampf gegen die Terrororganisation FETÖ. Wir stehen dabei bereit, mit Deutschland zusammen zu arbeiten. Denn wie im Fall der globalen Virusbekämpfung sind Terrorbedrohungen, die keine Grenzen kennen und uns alle angehen, nur durch entschlossenes und gemeinsames Handeln zu bewältigen.

Ali Kemal Aydın, Botschafter der Republik Türkei